„Gott zur Ehr, dem nächsten zur Wehr“

Ausführungen zum Leitspruch der Freiwilligen Feuerwehren

Vorab ist klarzustellen, dass die folgenden Ausführungen auf die Einrichtungen der Freiwilligen Feuerwehren gemünzt sind, wie sie seit dem 19. Jahrhundert bestehen. Die Gedankengänge zu diesen Einrichtungen unterscheiden sich im Wesentlichen zur Motivation hinter den Feuerwehren der Antike oder des Mittelalters. Die Feuerwehren der älteren Vergangenheit wurden nämlich von Angehörigen der herrschenden Schicht organisiert; und zwar entweder um diese als Gewinn bringende Unternehmen zu führen oder um „ihre“ Gewinn bzw. Steuern einbringenden Städte zu beschützen. Die modernen Freiwilligen Feuerwehren seit dem 19. Jahrhundert entstammen hingegen der Mitte der Gesellschaft.

1. Die Frage nach dem Warum

Es gibt in den USA einen Autor und Unternehmensberater namens Simon Sinek. Wer noch nicht von ihm gehört hat, kann sich schnell und einfach im Internet über ihn informieren; es sind auch deutsche Berichte und Übersetzungen seiner bekannten Videos und Werke zu finden. Viele seiner Arbeiten betreffen das Thema Werbung und öffentliche Wahrnehmung. Berühmt wurde er unter anderem aufgrund seiner These zum von ihm sogenannten „Golden Circle“ oder „goldenen Kreis“.

Seine These stellt er graphisch dar mit drei ineinander liegenden, kleiner werdenden Kreisen. Der äußere Kreis stellt das „Was“ einer Organisationstätigkeit dar, der mittlere das „Wie“, und schließlich der innere Kreis das „Warum“. Er behauptet, dass Unternehmen, die in erster Linie mit dem „Warum“ werben und hierfür bekannt werden, hierbei grundsätzlich erfolgreicher sind als Unternehmen, die mit den Inhalten der äußeren Kreise – „Was“ oder „Wie“ – Werbung machen. Der Gedankengang dahinter ist simpel: ein Produkt ist interessanter, wenn ein Ideal oder eine bestimmte Motivation damit in Verbindung gebracht werden kann. Ein solches Produkt wird von vielen Menschen subjektiv als besser empfunden, auch wenn es objektiv im Vergleich zu Konkurrenzprodukten von geringerer Qualität ist. Zur Untermauerung seiner These führt er unterschiedliche Beispiele an, insbesondere aus dem Kreise großer amerikanischer Marken.

Als Beispiel könnte man auch die freiwillige Feuerwehr mit einem ihrer ältesten Leitsprüche „Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr“ anführen. Dieser Spruch bezeichnet allein das Warum, die Motivation hinter Gründung und Tätigkeit dieser Einrichtung. Es wird hier noch nichts über die eigentliche Tätigkeit oder deren Leistungsart ausgesagt, und doch erhält man mit diesen sieben Worten einen guten Eindruck von dem, für das es die freiwillige Feuerwehr gibt.

2. Die Bezeichnung als Freiwillige Feuerwehr

An dieser könnte man den Einwand bringen, dass allein schon die Bezeichnung „freiwillige Feuerwehr“ alles über deren Tätigkeit und Art der Leistungserbringung aussage. Das ist jedoch nicht der Fall.

Zum einen sind bei der freiwilligen Feuerwehr nach einem weiteren alten Spruch nur Ein- und Austritt der einzelnen Feuerwehrleute freiwillig; dazwischen muss man Anweisungen und gar Befehle befolgen. Die freiwillige Feuerwehr kann sich zudem auch nicht ihre Einsätze aussuchen, sondern muss bei jedem Alarm ausrücken, hat Pflichtaufgaben wahrzunehmen und den Weisungen der öffentlich-rechtlichen Trägerin, also der jeweiligen Gemeinde, Folge zu leisten.

Zum anderen ist die Feuerwehr in der heutigen Zeit nicht hauptsächlich mit der Brandbekämpfung beschäftigt, sondern bedient ein weites Spektrum an Szenarien mit dem Schwerpunkt technische Hilfeleistung (z.B. Verkehrsunfälle, aber auch Sturmschäden, Schneelast, Hochwasser).

Das Wie und das Was des Feuerwehrdienstes haben sich im Laufe der Zeit den Veränderungen in Technik, Gesellschaft und Politik angepasst. Die freiwillige Feuerwehr hilft heute in Situationen, an die vor hundert Jahren keiner denken konnte. Sie ist heute eine Einrichtung der Gemeinde, welche von dieser mit immer größeren und Leistungsfähigeren Fahrzeugen und Geräten ausgerüstet wird. Früher war sie ein Zusammenschluss von Nachbarn, welche sich gemeinsam für das ganze Dorf eine Wasserspritze anschafften, denn die damaligen Regierungen und Verwaltungen kümmerten sich nicht um einen derartigen lokalen Schutz. Aus dieser lokalen Selbstverantwortlichkeit entsprang der Warum-Gedanke der freiwilligen Feuerwehr, welcher im oben genannten Leitspruch zum Ausdruck kommt, und bis heute anhält.

3. Der Gottesbezug

Ich bin kein Theologe und werde keine Religiösen Ausführungen zu der Nennung Gottes machen. Man kann davon ausgehen, dass auch die damaligen Menschen nicht weitläufig theologisch – oder überhaupt – hochgebildet waren. Mit dem Wort „Gott“ verbinden Gläubige Menschen aber seit jeher ganz generell das Gute und ethisch Richtige. Auf ganz säkulare Weise kann man die erste Hälfte unseres Leitspruches also so auslegen, dass mit der Einrichtung der freiwilligen Feuerwehr das erreicht und getan werden soll, was halt das richtige ist. Die Nennung Gottes bewirkte, dass die gesamte Bevölkerung hinsichtlich der „richtigen“ Tätigkeiten und Handlungsweisen auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden; denn damals war man weitläufig gläubig. Sie bewirkt eine gewisse Schwammigkeit, welche Flexibilität erzeugt.

Könnte der Leitspruch nicht ohne Gottesbezug mit der Nennung dieser Richtigkeit gelautet haben? Die Antwort auf diese Frage lautet nein. Die mit den Worten „Gott zur Ehr“ beibehaltene Schwammigkeit war in der damaligen Zeit auch aus politischen Gründen notwendig. Man muss sich überlegen, wie ein mehr oder weniger absolutistisch regierender Monarch im 19. Jahrhundert reagiert hätte, wenn ein Haufen Arbeiter und Bauern eine uniformierte Truppe zusammenstellen, damit sie anstelle der untätigen Krone „das Richtige“ tun können. Ein adeliger Herrscher hätte das als Angriff auf eben jene Herrschaft aufgefasst, mit entsprechenden gewaltsamen Konsequenzen. Gegen Tätigkeiten „zur Ehre Gottes“ konnte ein Monarch „von Gottes Gnaden“ aber wenig unternehmen. Dieses Argument für die Schwammigkeit ist analog anwendbar auf autokratische Diktatoren und ausländische Besatzungsmächte, welche dann auch tatsächlich freiwillige Feuerwehren in Deutschland auflösten oder verbieten wollten.

4. Die gegenseitige Nachbarschaftshilfe

Die zweite Hälfte des Leitspruchs, also „dem Nächsten zur Wehr“, ist ebenso von verschiedenen Hintergrundgedanken durchsetzt. Sollen die Tätigkeiten einer freiwilligen Feuerwehr einem anderen dienen, ihn schützen oder retten? Das wäre zu kurz gegriffen. Es geht nicht um einen Nächsten, es geht um die ganze Gemeinschaft.

Man ist damals nicht zur Feuerwehr gegangen, um anderen zu helfen. Man wurde Mitglied der Feuerwehr, damit diese in der Lage ist, jedem im Ort zu helfen; auch einem selbst. Es handelte sich nicht um Gut-Menschen mit zu viel Freizeit, sondern um berufstätige und sorgenbeladene Männer mit dem Wunsch nach solidarischer und kollektiver Unterstützung in Notsituationen. Wenn damals z.B. ein Hof Feuer fing, haben die Betroffenen oft alles Hab und Gut verloren, ohne Ansprüche bei einer Versicherung anmelden zu können. Man half also seinen Nächsten im Vertrauen darauf, dass einem selbst geholfen wird.

Diese Erklärung ist in Bezug auf die heutige Zeit nicht so einfach. Unsere Gesellschaft und viele andere Aspekte unseres Lebens haben sich stark verändert. Natürlich finden alle den Kerngedanken der Solidarität gut, aber inwiefern hat der oder die Einzelne ein solches Interesse daran, dass Bereitschaft vorliegt, hierfür Zeit und Energie hineinzustecken? Es gibt heute viel mehr Menschen als früher, da komme es auf den einzelnen nicht an. Außerdem kennen viele Leute ihre Nachbarn überhaupt nicht. Hat man überhaupt noch etwas davon? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass eingebrachte Mühen und im Notfall erhaltene Hilfe eine angemessene Proportionalität aufweisen?

5. Ein Spiegelbild der Gesellschaft

Heute geht es vielleicht weniger um das Lokale, um den gemeinsamen Schutz der Bausubstanz des Dorfs durch Nachbarn und Bekannte. Wenn man erst einmal dabei ist, dann lernt man viele neue Leute aus der Nachbarschaft und Region kennen, die zu Kameradinnen und Kameraden, sogar zu Freundinnen und Freunden werden. Man hat gemeinsame Interessen wie etwa Technik oder man genießt das bloße Zusammensein. Das hat erfreulich Auswirkungen und ist oft der Kern der Motivation einzelner Feuerwehrdienstleistenden.

Doch in unserer globalisierten Welt geht es auch bei der freiwilligen Feuerwehr um das große Ganze. Es geht darum, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen. Wir wollen, dass jeder darauf vertrauen kann, dass die anderen zu Hilfe eilen, wenn er sich in einer Notlage befindet; und zwar egal ob in unserem Heimatort oder am anderen Ende des Staatsgebiets. Es spielt keine große Rolle, dass nicht immer jeder gerettet werden kann. Es muss nur immer jemand kommen, damit keiner in seinem Leid alleingelassen oder gar ignoriert wird.

Es gibt auch heute noch Gesellschaften auf diesem kleinen Erdball, in welchen man einem Fremden nur ungern erste Hilfe leisten möchte, weil man nach der dortigen Rechtslage konkludent Verantwortung für das Opfer übernehmen könnte. Es gibt ebenso Gesellschaften, in denen man im Notfall mehrere Stunden auf Hilfe warten muss, weil es dort nur in beschränktem Ausmaß staatlich organisierte und bezahlte Berufsfeuerwehren gibt, welche stets überlastet sind.

Es gibt aber auch Gesellschaften wie unsere. Wenn man hier einen Notruf tätigt, dann lassen Mitmenschen soweit möglich alles stehen und liegen, rüsten sich professionell aus, und sind in weniger als zehn Minuten vor Ort um jedem beizustehen, der Beistand benötigt.

Viele Menschen wünschen sich eine solche Gesellschaft. Jeden Alters leisten Frauen und Männer deswegen Feuerwehrdienst. Die freiwillige Feuerwehr ist deshalb nicht nur ein Spiegel der Gesellschaft. Sie bewirkt mit ihrer Arbeit, dass die Gesellschaft den Willen der freiwilligen Feuerwehrleute wiederspiegelt.

Alexander Kaiser

- Kommandant -